Mirak-Weißbach-Stiftung
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„Gusana Sonnen“

Das Dorf Gusanagiuch liegt in der Provinz Shirak etwas südlich der Provinzhauptstadt Gjumri. Wenn man Gjumri in südlicher Richtung verläßt, kann man vielerorts die armenisch-türkische Grenze ausmachen, die man leicht an den Wachttürmen und Grenzbefestigungen erkennt. Schon bald wird der Fluß Akhurjan sichtbar, der eine Schlucht durch das armenische Hochland gegraben hat. Und wieder nach wenigen Kilometern ist aus dem Fluß einer der größten Stauseen in Armenien geworden. Hier verläuft die armenisch-türkische Grenze mitten durch den See. Sowohl in Richtung Türkei als auch in östlicher Richtung erheben sich schneebedeckte Bergrücken und auf armenischer Seite das Massiv des höchsten Berges, des Aragats, der sich auf über 4000 m über die Hochebene erhebt.

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Bild 1 - das Aragats-Massiv

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Bild 2 schneebedeckte Berge in der Türkei

Die Grenze ist seit jeher geschlossen. Einen Austausch zwischen den Menschen auf beiden Seiten der Grenze gibt es nicht. Dabei ist die alte armenische Königsstadt Ani gerade einmal 20 km entfernt oder die einst überwiegend von Armeniern bewohnte Großstadt Kars. Und auch Gusanagiuch kann auf eine interessante, lange Geschichte zurückblicken. Das armenische Wort „gusan“ heißt so viel wie Sänger oder Barde. Im Mittelalter oder auch in antiker Zeit zogen diese Sänger durch die Dörfer, wo sie ihre Lieder und Kompositionen wie die Troubadure in Europa zum Besten gaben. Gusanagiuch war der Heimatort einer der bekannteren Barden, Sargis.

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Bild 3 Denkmal von 2 Barden in Gjumri

Nach archäologischen Funden war der Ort aber auch schon im 1. Jahrhundert bedeutsam. Bekannt ist der Ort für die Überreste einer Burg aus dem 13. Jahrhundert und für eine alte typisch armenische Basilika aus dem 11. Jahrhundert, die leider immer mehr zerfällt.

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Bild 4 - die Festung mit Aragats-Massiv

Auf den ersten Blick fallen die alten, baufällig anmutenden ärmlichen Häuser auf. Die Straßen sind nicht asphalt1iert. Viele Häuser scheinen auch nicht bewohnt zu sein. Menschen sind auf den Straßen nicht zu sehen, es gibt kein Dorfzentrum, anscheinend auch keine Geschäfte oder gar Gasthäuser und Kneipen. Man fragt sich zwangsläufig, wo findet soziales Leben statt. Man muß schon Glück haben, wenn man, vielleicht im Frühling oder Sommer in den Abendstunden einige Männer vor den Häusern sitzen und Tee trinken sieht. Am Beispiel von Gusanagiuch läßt sich das Problem des ländlichen Raums in Armenien gut studieren. Pläne zur Vitalisierung des verödenden Lebens in den Dörfern gehen fast immer von privaten Initiativen aus. So war es auch in diesem Fall. Der aus Gjumri stammende Maler Hakub Hovhannisyan hatte viele Jahre in St. Petersburg gearbeitet, bis er 2008 nach Armenien zurückkehrte und eine neue Heimat suchte. Als er das Dorf Gusanagiuch besuchte, war er sofort angezogen von dem besonderen Licht und seiner einzigartigen Energie, die der Ort ausstrahlte. Und er war fasziniert von den alten Steinen und Mauern, die überall zu finden waren. Er begann, sich auf das Malen von Mauern zu spezialisieren. Sein Freund Alexander Ter-Minasyan, der Direktor des Berlin Art Hotels in Gjumri (und inzwischen Honorarkonsul der Bundesrepublik Deutschland) half ihm, ein bescheidenes Haus und ein Studio zu finden.

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Bilder 5 - 6 - 7 – Hakubs Haus, Mauern und Bild von Hakub



Schon bald wurde Hakub eine Attraktion im Dorf, wenn er, mit seiner Malausrüstung bewaffnet, sich irgendwo in der Natur niederließ, um zu malen. Oft war er umringt von Kindern, die ihm über die Schultern guckten und den eigenwilligen Mann bewunderten, der diese Wunderwerke schuf. Schon bald entstand aus der Beziehung zwischen Hakub und den Dorfkindern der Wunsch und die Idee, an der Dorfschule eine Kunstklasse einzurichten. Zum ersten Mal hatte Alexander Ter-Minasyan die Weißbachs im Jahre 2016 nach Gusanagiuch mitgenommen und ihnen begeistert von seiner Idee erzählt, mit Hilfe der Kunst und der Malerei soziales Leben in den Ort zu bringen. Er hatte sie auch Hakub vorgestellt und ihnen die Schule gezeigt, in der Hakub seit einiger Zeit Malunterricht gab. Mit einigen Augen konnten wir damals sehen, wie wichtig diese Initiative für die Schule, aber auch wie bereichernd sie für das ganze Dorf war. Seit diesem 1. Besuch hat die MWSt mit einer jährlichen Spende dazu beigetragen, daß Hakub für seine Arbeit eine bescheidene Entlohnung erhält und die Utensilien für den Malunterricht gekauft werden können. Inzwischen sind durch den Malunterricht eine Vielzahl von Bildern entstanden. Die Schüler sind äußerst produktiv, ihre Bilder bestechen durch eine angstfrei durchgeführte kräftige Farbgebung. Hakub erzählte uns bei unserem ersten Besuch, daß er den Kindern freie Hand läßt bei der Auswahl der Motive und Themen, Formgebung und Stil.
Im folgenden möchten wir Sie, lieber Leser, an einigen Impressionen des Projektes „Gusana Sonnen“ teilnehmen lassen. Denn so hat Alexander Ter-Minasyan, der Ideengeber und Initiator, das Projekt getauft. Und tatsächlich haben die Schüler mit ihrer schöpferischen Energie schon soziale Strahlkraft in das kleine Dörfchen Gusanagiuch gebracht.


Bild 8 - 18 – Die Bilder zeigen Hakub mit einigen Schülern in der Malklasse und eine kleine Auswahl von Bildern. 

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Geghaschen

Geghaschen, ein typisch armenisches Dorf?

Eigentlich ist Geghaschen ein typisches, kleines armenisches Dorf einige Kilometer außerhalb Jerewans in der Provinz Kotajk gelegen. Es zählt zu den 60 bis 5000 Einwohner zählenden Landgemeinden der Provinz, die durch das Höhlenkloster Geghard und den Sonnentempel in Garni bekannt ist. Wir hatten das Glück, es durch eine Bekanntschaft aus Wiesbaden näher kennen lernen zu dürfen. Agapi Mrktchyan war, als wir sie kennenlernten, Deutsch-Lehrerin an einem Wiesbadener Gymnasium, hatte Deutsch als Fremdsprache in Jerewan, danach Germanistik in Jena studiert. Sie war in Geghaschen geboren und dort auf die Mittelschule gegangen, an der auch ihre Eltern unterrichteten. Hier war sie mit der deutschen Sprache groß geworden, denn die Mittelschule in Geghaschen hatte sich ganz auf Deutsch als 1. Fremdsprache konzentriert. Wie uns Agapi später erzählte, war es in der kommunistischen Zeit nach dem 2. Weltkrieg üblich, daß die 1. Fremdsprache einer jeden Schule in den Städten und Dörfern im Losverfahren zugelost wurde. Und Deutsch, nicht Englisch oder Französisch, war eben per Los der Mittelschule in Geghaschen zugedacht worden! Und die Mittelschule hat diese Aufgabe, ihren Schülern die deutsche Sprache und Kultur näher zu bringen, sehr ernst genommen. So ist es nicht verwunderlich, daß die Schule außergewöhnlicherweise eine lebendige Partnerschaft mit dem Bildungsministerium Österreichs unterhält.

Es war also Agapi, die die Leiterin der Musikschule in Geghaschen Mariam Kazaryan 2016 auf unsere Stiftung aufmerksam machte. So kam es zu einem Treffen in Jerewan, und Frau Kazaryan erzählte uns, daß sie Unterstützung für den Erwerb eines Klaviers oder Flügels für den Vortragssaal der Schule benötigten. Schon im Mai konnte der „neue“, gebrauchte und gut erhaltene Flügel dank der Spende der Mirak-Weißbach-Stiftung geliefert werden. Er feierte noch im gleichen Monat sein Debut beim Konzert zum Abschluß des Schuljahres der Musikschule.

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Mariam Kazaryan eröffnet 2016 das Jahresabschlußkonzert der Musikschule in Geghaschen

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Mariam Kazaryan mit Lehrpersonal der Schule

Schon im darauffolgenden Jahr 2017 konnten wir dem Dorf Geghaschen einen Besuch abstatten. Wir trafen Mariam Kazaryan wieder, die uns ganz stolz eine Führung durch die Räumlichkeiten der Musikschule gab, uns einigen Mitgliedern des Personals vorstellte und uns auch den Flügel zeigte, der einen Platz auf der Bühne des Bürgerhauses gefunden hatte, das sich gleich an die Musikschule anschließt. Sie erklärte uns auch etwas, was so typisch für Armenien ist. Das Dorf ist mit seinen noch nicht einmal 5000 Einwohnern überschaubar. Die Menschen leben in bescheidenen Verhältnissen, die meisten von der Landwirtschaft. Einige Bauern halten Vieh, das sie im Sommer auf die nahegelegenen Almen bringen.

Aber das Dorf leistet sich eine Musikschule, an der Kinder und Jugendliche für einen kleinen monatlichen Beitrag Musikunterricht erhalten können. Obwohl der Beitrag von 4 Euro für armenische Verhältnisse schon sehr viel ist, hat die Schule Zulauf, zum Zeitpunkt unseres Besuchs unterrichtet sie schon fast 200 Schüler. Und sie entwickelt sich zunehmend zu einer wichtigen sozialen Institution in Geghaschen.

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Die Direktorin der Musikschule Mariam Kazaryan und der Flügel ihrer Musikschule, der im vergangenen Jahr durch die Mirak-Weißbach-Stiftung gespendet worden war. Er steht auf einer großen Bühne des Bürgerhauses in Geghaschen in direkter Nachbarschaft zur Musikschule.

Wie überall auf der Welt ist es in Dörfern normal, daß jeder jeden kennt, und man zusammenarbeitet, zum Wohle der Dorfgemeinschaft. So auch in Geghaschen. Davon konnten wir uns überzeugen, als wir bei demselben Besuch Ehrengäste einer denkwürdigen Konzert- und Rezitationsveranstaltung der örtlichen Musikschule wurden. Denkwürdig war die Veranstaltung u.a. deshalb, weil sie in der Aula der örtlichen Mittelschule stattfand und die Schüler der Schule als Teil des Programms Gedichte von 25 zeitgenössischen armenischen Dichtern in armenischer Sprache, und auch in der deutschen Übersetzung vortrugen. Die Gedichte waren im vergangenen Jahr in einem Gedichtband von Agapi Mkrtchian und Helmuth R. Malonek zusammengetragen und herausgegeben worden. Agapi ist also nicht nur Lehrerin in Wiesbaden, sondern auch Dichterin und Übersetzerin armenischer Literatur ins Deutsche. Und wir erlebten, daß Agapi, die an eben dieser Schule Deutsch gelernt hatte, zu einem Art Aushängeschild für das ganze Dorf geworden ist. – Natürlich wurden wir, wie überall in Armenien, nach dieser denkwürdigen Kulturveranstaltung, bei der also die Musen der Poesie, der Musik und des Tanzes geehrt wurden, zu einem Essen mit Kaffee und Kuchen und natürlich mit Kognac und viel frischem Obst eingeladen. Und wir bekamen eine Führung durch die Schule, deren Ausstattung zeigte, daß Bildung auf hohem Niveau hier sehr großgeschrieben wird.

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Auftritt des Schulchores beim Kulturfest der Musikschule und der örtlichen Mittelschule

Veranstaltung

Nach der Veranstaltung haben sich aufgereiht: Mariam Kazaryan (2. von links), rechts neben ihr Agapi Mrktchyan, Muriel Mirak-Weißbach und mitwirkende Schüler

Es sollte bis 2019 dauern, daß wir Geghaschen wieder besuchen konnten. Inzwischen hatte die Mirak-Weißbach-Stiftung eine Spende gemacht, durch die weitere Musikinstrumente erworben werden konnten. Und Mariam Kazaryan hatte sich als findige Kennerin des Musikmarktes in Armenien und äußerst kreativ erwiesen. Stolz zeigte sie uns, wieviele Instrumente sie für eine relativ geringe Summe beschafft hatte. Natürlich ließ sie es sich nicht nehmen, für uns ein Konzert zu organisieren. Und da dieses Jahr 2019 in Armenien ganz im Zeichen des 150. Geburtstagsjubiläums von Vardapet Komitas stand, war das Konzert ganz dem Leben und Wirken des armenischen Nationalkomponisten gewidmet. Mariam Kazaryan hatte auch interessierte Bewohner des Dorfes eingeladen. Die einzelnen musikalischen Darbietungen waren eingebettet in eine literarische Reise durch das Leben des Jubilars. Es war besonders bewegend zu erleben, mit welcher Ernsthaftigkeit und Hingabe die teilweise recht jungen Schülerinnen und Schüler ihre Auftritte bewältigten.

Anschließend wurden durch tatkräftige Mithilfe des neu gewählten Bürgermeisters hinter der Musikschule neue Bäume gepflanzt.

Schulchor

Der Schulchor unter dem Bild des Jubilars Vardapet Komitas

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Das Lieblingsinstrument vieler Mädchen jeden Alters – das Kanoon

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Mariam Kazaryan und der Bürgermeister von Geghaschen

Der Ausbruch der Pandemie hat in aller Welt das Leben grundlegend verändert und natürlich auch in Geghaschen seine Spuren hinterlassen. Das normale soziale Leben der Mittelschule mit seinen 12 Klassen, die Arbeit der örtlichen Musikschule, sowie alle anderen Sport- auch Tanz-Aktivitäten wurden stark eingeschränkt, bzw. kamen zum Erliegen. Die frei gewordene Zeit nutzte Mariam Kazaryan zu einem neuen Projekt, das dem Kulturleben des kleinen Dorfes neue Impulse geben sollte. Wie schon erwähnt, lag das Bürgerhaus direkt neben der Musikschule. Die einstmals dort beheimatete Bibliothek war durch den Mangel einer funktionierenden Heizung unbrauchbar geworden. Als Direktorin des Bürgerhauses und der Musikschule hatte sie die Idee, das Bürgerhaus und die Räume der ehemaligen Bibliothek zu einem Freizeit-Bereich im Loft-Style zu entwickeln. Es sollte nicht nur die Bibliothek mit einem eigenen Leseraum wiederbelebt, sondern mit entsprechender technischer Ausrüstung wie wi-fi, computer und großem TV-Bildschirm sollten Bereiche für Vorträge, Film- und Videovorführungen entstehen. Studenten und Schüler sollten so berühmte Opern- und Ballet-Aufführungen sehen können. An der Fundraising-Kampagne zur Sicherstellung der Kosten beteiligte sich auch Mirak-Weißbach-Stiftung, so daß im Mai 2020 die Renovierung und Neueinrichtung beginnen konnte. Die Kunstlehrerin der Schule, viele Schüler und Studenten packten vor allem bei der Tapezier- und Malerarbeit mit an. Im Juni kamen die neuen Möbel, im August sah alles schon ganz ordentlich aus und zum Weihnachtsfest war die Arbeit abgeschlossen. Leider konnte wegen der Pandemie eine öffentliche Einweihungsfeier noch nicht stattfinden. Aber die Nachricht von der neuen Bibliothek, dem Lesesaal und den neuen Möglichkeiten wurde im Dorf, in der Region und über Facebook schnell verbreitet. Mariam Kazaryan hatte im Februar 2021 nicht nur ihr zweites Kind, einen Sohn, zur Welt gebracht, sondern mit der Realisierung „ihrer Idee“ auch eine weitere „glückliche Geburt“ vollbracht. - Das neue soziale Zentrum kann jetzt den Einwohnern von Geghaschen helfen, mit der schwierigen Zeit, die durch Korona-Krise und Krieg um Nagorno-Karabagh viele Wunden geschlagen hat, fertig zu werden.

Lesesaal

Vorlesestunde mit Mariam Kazaryan im neuen Lesesaal in Gegashen.

Loft

Das nennt man wohl ”Loft-Style”

Komitas Denkmal

Das Komitas-Denkmal vor dem Konservatorium in Jerewan

Mirak-Weißbach-Stiftung vermittelt Übergabe wertvoller Notensammlungen an das Komitas-Konservatorium in Jerewan

Während ihrer Armenienreise 2016 wurde das Ehepaar Weißbach herzlich von Professor Navoyan und Rektor Schahin Schahinyan empfangen. Wenige Tage zuvor war die Sammlung wertvoller Noten aus dem Nachlaß des Wiesbadener Pianisten und Dirigenten Bernhard Scheidt in Jerewan eingetroffen, die Ende März aus Wiesbaden auf dem Landweg nach Jerewan verschickt worden war. Gespannt und interessiert hörten beide die Geschichte hinter der großartigen Spende, die mit Dankbarkeit und Wertschätzung aufgenommen wurde. Im Oktober 2015 war Bernhard Scheidt in Wiesbaden in hohem Alter verstorben. Aus seiner langjährigen Arbeit als Pianist, Dirigent und vor allem als Musikpädagoge hatte er eine immense Bibliothek an Musikliteratur, vor allem für Klavier und Orchester angesammelt. Seine langjährige Lebensgefährtin Sabine Meerwein, selbst professionelle Sängerin, hatte sich gefragt, was aus diesen Materialien werden solle. Im Dezember 2015 war sie dann auf einen Artikel über die Mirak-Weißbach-Stiftung im Wiesbadener Kurier gestoßen und hatte von der Arbeit der Stiftung für Musikschulen erfahren. Sie kontaktierte die Weißbachs, um auszuloten, inwieweit die Noten für Musik-Hochschulen in Armenien interessant sein könnten. Es folgten viele Telefonate mit Vertretern der armenischen Botschaft in Berlin, mit armenischen Musikern in Deutschland und Armenien und natürlich auch mit dem Konservatorium in Jerewan selbst. Es wurde schnell klar, daß diese Noten nur für eine Institution wie das Komitas-Konservatorium und für dessen Musikausbildung auf höchstem Niveau interessant und nützlich sein würden. So wurde das Notenmaterial schließlich von Frau Meerwein der Mirak-Weißbach Stiftung zur Sichtung, Katalogisierung und letztendlich zur Verpackung, Versendung und Übergabe an das Konservatorium gespendet.

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Palette der Noten bei der Abholung in Wiesbaden.

Rektor Schahinyan und Professor Navoyan waren interessiert, alles über Bernhard Scheidt und die Spenderin Sabine Meerwein zu erfahren. Die Noten sollen nämlich in einem besonderen Bestand der riesigen Bibliothek unter dem Namen Bernhard Scheidt/Sabine Meerwein untergebracht werden. Tatsächlich ist der berufliche Werdegang und die Lebensleistung Bernhard Scheidts beeindruckend. In einer Kurzbiografie hat Sabine Meerwein das Wesentliche folgendermaßen zusammengefaßt: „Seine herausragende Tätigkeit als Pädagoge lebt in zahlreichen heute öffentlich wirkenden und konzertierenden Schülern weiter. Bernhard Scheidts Vermächtnis besteht in der Weitergabe und Vermittlung der deutschen und europäischen Interpretationskultur, die er aufgrund persönlicher Bekanntschaften mit exorbitanten Interpreten wie Maria Callas, Wilhelm Furtwängler, Pablo Casals, Wilhelm Kempff, Pierre Monteux seinen Schülern weiterzugeben imstande war“.
Wir und die Leitung des Komitas-Konservatoriums in Jerewan können dem jetzt hinzufügen, daß Bernhard Scheidt diese Tradition auch durch seine Noten von Werken der größten europäischen Komponisten an die armenischen Studenten in Jerewan weitergibt.
Über Sabine Meerwein kam es zu einer Verbindung mit Heiner Rekeszus, der seit 1979 als Soloklarinettist des Hessischen Staatstheaters in Wiesbaden gewirkt hatte. Er war im März 2017 65 Jahre alt geworden und stand kurz vor seiner Pensionierung. In einem ersten persönlichen Gespräch erfuhren wir, daß Herr Rekeszus seit einigen Jahren auch ein international bedeutendes Musik-Antiquariat aufgebaut hatte und besonders nach Noten von vergessener oder verdrängter Musikliteratur forschte. Vor kurzem war das Wiesbadener Kurhausorchester aufgelöst worden und Herr Rekeszus hatte das gesamt Noten-Archiv des Orchesters übernommen. Als er von der Schenkung des Nachlasses von Bernd Scheidt erfuhr, kam ihm sofort die Idee, dieses Archiv dem Komitas-Konservatorium in Jerewan zu schenken. Und Herr Rekeszus hatte auch eine Erinnerung an Armenien. Es mußte in den 80er Jahren gewesen sein, daß das Hessische Staatsorchester eine Konzertreise nach Armenien unternommen hatte. Und während jener Reise war der Entschluß in ihm und Kollegen aus dem Orchester gereift, ein Kammermusik-Ensemble im Rahmen des Staatsorchesters in Wiesbaden zu gründen. Daraus wurde eine Kammermusikreihe, die sich schnell zu einem beliebten Bestandteil des Wiesbadener Kulturlebens entwickelte, und das seit inzwischen mehr als 25 Jahren. Herr Rekeszus war also sofort fasziniert von der Idee, daß das wertvolle Archiv des Kurhausorchesters Wiesbaden an das Konservatorium nach Jerewan gehen würde.

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Heiner Rekeszus bei seinem Abschiedskonzert im Foyer des Wiesbadener Staatstheaters 2017

Wie schon im Falle der Schenkung des Notenmaterials von Bernd Scheidt übernahm die Mirak-Weißbach-Stiftung wieder die Verpackung und den Transport von Wiesbaden nach Jerewan. Insgesamt 7 Paletten mit Noten und Büchern machten sich also im Spätsommer 2017 auf den Weg nach Armenien. Wenige Tage vor dem Abschiedskonzert von Heiner Rekeszus in Wiesbaden kam die Nachricht von dort, daß die wertvolle Ladung angekommen ist.

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Das Noten-Archiv des Wiesbadener Kurhaus-Orchester, von Heiner Rekeszus gespendet, professionell verpackt und bereit für die Reise nach Jerewan.

Als wir Anfang 2019 das Komitas-Konservatorium wieder besuchten und die neue Direktorin Sona Howhannisyan kennenlernten, hatten die Bücher von Heiner Rekeszus zur Musik-Geschichte und -Theorie schon ihren Platz in der Bibliothek der Einrichtung gefunden. Die Einordnung, Katalogisierung und Digitalisierung des umfangreichen Noten-Materials jedoch war noch in vollem Gange. Die Schenkung war aber schon einmal dankbar aufgenommen worden.