Mirak-Weissbach Foundation

Armenien-Reise 2019



Vom 4. - 13. April 2019 besuchten die Weißbachs nach einem Jahr Pause wieder Armenien. Zum einen ging es ihnen darum, die auch im vergangenen Jahr unterstützten Projekte zu besuchen, Bekanntschaften und Freundschaften zu pflegen und zu erfahren, welche Projekte weiter gefördert werden sollen und welche evtl. neuen in Angriff genommen werden können. Die diesjährige Reise stand aber auch unter einem besonderen Stern. Während des Jahres 2018, in dem die Weißbachs nicht nach Armenien reisen konnten, hatte sich eine „friedliche Revolution“ ereignet.
Am 23. April war Sersh Sargsyan von der republikanischen Partei, die das Land über 20 Jahre lang mit harter Hand und autokratisch regiert hatte, zurückgetreten. Vorausgegangen waren wochenlange Proteste, bei denen bis weit über 100.000 Menschen allein in der Hauptstadt Jerewan friedlich und bunt ihren Protest auf die Straßen getragen hatten. In dieser Phase hatte sich der junge ehemalige Journalist und langjährige Oppositionspolitiker Nikol Paschinjan zum Sprecher der „samtenen Revolution“ entwickelt. Im Dezember 2018 erhielt sein Parteienbündnis „Mein Schritt“ mit über 70 % der Stimmen bei der 1. demokratischen Wahl das Mandat zur Regierungsbildung und zum „Regime Change“. Die bisherige Staatspartei scheiterte krachend an der 5 %-Hürde. Das alte, oligarchische System, so typisch für die postkommunistischen Staaten der ehemaligen Sowjetunion, war Geschichte. Inzwischen bestimmen in dem neuen Regierungsbündnis überwiegend junge, unerfahrene Männer und Frauen die Geschicke des Landes. Viele von ihnen sind Akademiker, Journalisten oder arbeiten in den Think-tanks des Landes. - Während der Gespräche und Treffen auf unserer Reise waren wir überrascht, wie selten die ja noch frische Revolution von unseren Gesprächspartnern selbst angesprochen wurde. Wir mußten schon nachfragen, was sich denn bisher verändert hat und welche Erwartungen die Menschen jetzt an die neuen Verhältnisse haben. 2 Reaktionsmuster schälten sich dabei schnell heraus: Diejenigen, die aktiv an den Demonstrationen und Aktionen teilgenommen hatten (nicht wenige hatten sich extra Urlaub genommen oder sich kurzerhand beim Chef auf unbestimmt verabschiedet!) betonten die freudevolle, optimistische und herzliche Atmosphäre jener Tage. Wir aus Deutschland fühlten uns an die Zeit des Mauerfalls und der friedlichen Revolution 1989 erinnert. Die anderen, die die „Wende“ mit Abstand aber auch wohlwollend und erwartungsvoll verfolgt hatten, äußerten sich überwiegend vorsichtig und zurückhaltend. Den Satz: „es ist leichter, ein altes System einzureißen, als ein neues aufzubauen“ haben wir hier des Öfteren gehört.
Die 1. uns sofort ins Auge springende Veränderung konnten wir gleich nach der Ankunft auf dem Weg vom Flughafen in die Innenstadt erleben. Die Schnellstraße in die Stadt war seit Jahren von Casinos, Nachtclubs und Bordellen gesäumt gewesen. Diesmal war von ihnen allen nichts mehr zu sehen. Wie wir später erfahren sollten, sind einige dieser Etablissments geschlossen oder in andere Bezirke ans andere Ende der Stadt verlegt worden - eine nicht zu unterschätzende Veränderung, war doch die Fahrt vom Flughafen nicht gerade eine angenehme „Visitenkarte“. (Ich kann mich noch erinnern, wie verstört ich war, als ich das erste Mal im Jahre 2008 Armenien besuchte, MW).
Unsere Reise führte uns zunächst nach Giumri, der heimlichen kulturellen Hauptstadt Armeniens. Über 30 Jahre sind seit dem verheerenden Erdbeben 1988 vergangen, aber die Wunden der Katastrophe sind immer noch und überall zu sehen.

1 zerstörtes Haus Gjumri

Bild 1: Ein im Erdbeben 1988 zerstörtes Haus, kein seltener Anblick im Gjumri 2019

2 Erlöserkirche -Gjumri

Bild 2: Die Erlöserkirche auf dem Freiheitsplatz

Es scheint jedoch, als habe der Wiederaufbau seit unserem letzten Besuch Fahrt aufgenommen. Die schöne Erlöserkirche am großzügigen Freiheitsplatz im Zentrum ist inzwischen zumindest von außen vollständig wiederhergestellt. (siehe Bild 2)
Auch diesmal quartierten wir uns wieder im Berlin Art Hotel ein, und wie immer wurden wir herzlich empfangen. Alexander Ter-Minasyan, der Direktor des Hotels, ist inzwischen zum Honorarkonsul der Bundesrepublik Deutschland ernannt worden. Ein Teil des Hotel-Gebäudes ist also das Honorarkonsulat, hat ein neues Speisezimmer und Restaurant mit Namen Franz-Schubert-Zimmer bekommen. Und wie üblich war das Berlin Art Hotel auch an jenem Wochenende Schauplatz wichtiger sozialer Aktivitäten. In den neu renovierten Räumen fand gerade eine Vernissage der Ausstellung einer jungen armenischen Malerin statt (siehe Bild 3). Und am Abend gab sich die gemischte Gesangsgruppe „Hazer“ mit traditionellen armenischen Volksliedern die Ehre. (siehe Bild 4)

3 Alexander Ter-Minasyan

Bild 3: Alexander Ter-Minasyan eröffnet eine Kunst-Ausstellung in den Räumen des deutschen Honorarkonsulats

4 Gesangsgruppe Hazer

Bild 4: Die Gesangsgruppe Hazer begeistert mit volkstümlichen armenischen Liedern

Am Vormittag waren wir mit Alexander Ter-Minasjan nach Gusanagiuch gefahren und hatten unseren alten Freund, den Maler Jakub Howhanisyan getroffen. Sein Malunterricht an der Dorfschule läuft weiterhin mit der Unterstützung der MWSt und erfreut sich großer Beliebtheit. (siehe Bild 5) Es ist geplant, die großen weißen Flure als Ausstellungsflächen für die Bilder der Schüler umzugestalten. In Giumri begleitete uns als Übersetzerin Arpine, deren Studium die MWSt finanziert hatte. Arpine hat inzwischen ihr Masters Diplom abgelegt und eine sehr gute Arbeitsstelle gefunden. Sie hatte auch als Aktivistin an den Massenkundgebungen in Jerewan teilgenommen.

5 Gusanagiuch - Hakub

Bild 5: Der Maler Hakub Hovanisyan in seinem Element

Vor unserer Rückreise nach Jerewan hatten wir auch Gelegenheit, die neue Direktorin der Oktet-Musikschule kennenzulernen. Hier hatte die MWSt 2013 zur Einweihung der neu errichteten Musikschule einen Blüthner-Flügel gestiftet. An dieser Schule hat sich das abgespielt, was wohl seit der „samtenen Revolution“ 2018 überall im Land stattgefunden hat. Die Leitung der Schule, die Mehrzahl des Lehrpersonals war von neuen Kräften abgelöst worden, was natürlich mit teilweise schmerzhaften Begleitumständen verbunden war. Für uns war wichtig mitzunehmen, daß auch die neue Schulleitung den Blüthner-Flügel zu schätzen weiß und ihn auch weiterhin großzügig für Konzerte nicht nur für die Schüler der eigenen Schule, sondern auch anderer Musikschulen einsetzt. (siehe Bild 6).

6 neue Direktorin

Bild 6: Die neue Direktorin der Oktet-Musikschule

In Jerewan war unsere Zeit ausgefüllt mit vielen Terminen. Natürlich besuchten wir das Zentrum für autistische Kinder und Jugendliche „My Way“, mit dem wir durch unsere Unterstützung der letzten Jahre, aber auch durch die persönlichen Kontakte zu den Gründerinnen und Vorstandsmitgliedern in besonderer Weise verbunden sind. Das Zentrum sieht sich durch die politischen Veränderungen des letzten Jahres mit noch nicht gelösten Problemen konfrontiert, ist doch noch nicht klar, wie sich die neue Regierung sozialpolitisch engagieren wird. Als wir das Zentrum besuchten, war die Renovierung des 2. Gebäudes schon recht weit vorangeschritten, die endgültige Fertigstellung mußte jedoch aus Mangel an Finanzmitteln erst einmal verschoben werden. Aber der Mut und die Entschlossenheit des Leitungsgremiums ist ungebrochen. (siehe Bild 7).

7 My Way

Bild 7: My Way - ein außergewöhnliches Projekt von außergewöhnlichen Frauen

8 Komitas Konserv. -neue Direktorin

Bild 8: Die neue Direktorin des Komitas Konservatoriums

Auch dem Komitas-Konservatorium statteten wir wieder einen Besuch ab. Wir trafen neben dem alten Bekannten Arkadi Awenesow auch die neue Direktorin Sona Hovhanisyan, die in Armenien als Leiterin des berühmten „Hover Kammerchores“ bekannt ist. (siehe Bild 8). Im vergangenen Jahr war durch eine Schenkung des Wiesbadener Musikers Heiner Rekeszus das gesamte Noten-Archiv des ehemaligen Kurhaus-Orchesters in Wiesbaden dem Konservatorium überlassen worden. Die Einordnung, Katalogisierung und Digitalisierung des umfangreichen Materials ist noch nicht abgeschlossen. Die Schenkung wurde aber schon einmal dankbar aufgenommen.
Die Sängerin und Gesangslehrerin Lusine Arakelyan, die die MWSt mehrfach in ihrer Ausbildung unterstützt hat, ließ es sich nicht nehmen, in einem Konzert an ihrer Schule aussichtsreiche junge Musiker zu präsentieren. Einige der Studenten, die während des Konzerts auftraten, werden im Sommer eine Musikreise nach Italien unternehmen und in Rimini an Wettbewerben teilnehmen. Wir konnten uns davon überzeugen, daß einige von ihnen großartige Aussichten auf Auszeichnungen haben werden. (siehe Bild 9)

9 Lusine Konzert

Bild 9: Hoffnungsvolle Talente an der Schule von Lusine Arakelyan

10 Dilidschan

Bild 10: Malerisches Dilidschan

Zu den Höhepunkten der diesjährigen Armenien-Reise zählten sicherlich auch die 2 Konzerte, die für uns in Dilidschan und Geghashen organisiert worden waren. Dilidschan ist ein malerisches Städtchen nördlich des Sevan-Sees in einer alpin anmutenden, wunderschönen Landschaft gelegen.(siehe Bild 10) Hier hatte die MWSt im vergangenen Jahr eine Spende geleistet, durch die zahlreiche neue Musikinstrumente für den Unterricht der Mittelstufe der städtischen Musikschule gekauft werden konnten. Das Konzert präsentierte die ganze Palette der unterschiedlichen Musikrichtungen und Instrumentengruppen, von den in Armenien sehr populären Trommeln, Duduks und Kanoons bis hin zu den klassischen Klavierkompositionen und Gesangsdarbietungen. (siehe Bild 11) Die Fahrt nach Dilidschan und das Instrumentenprojekt war von der Direktorin des FAR (Fund for Armenian Relief) Margaret Piliposyan organisiert worden.


11 Dilidschan Trommler

Bild 11: Die stolzen Trommler von Dilidschan

12 Geghashen - Schulchor

Bild 12: Der Schulchor in Geghashen unter dem Bild von Vardapet Komitas

13 Geghashen Marian und BM

Bild 13: Die Leiterin der Musikschule und der Bürgermeister von Geghashen

Geghashen und seine Musikschule ist ein gutes Beispiel dafür, wie breit und gut die Musikkultur in Armenien aufgestellt ist. Bei nur etwa 4000 Einwohnern unterrichtet die Musikschule des Dörfchens aber 180 Schüler! Auch hier hatte die MWSt mit einer relativ kleinen Spende einen Kauf von zahlreichen Instrumenten ermöglicht. Das Konzert, das die Leiterin der Schule Mariam Kazaryan auch für die Bewohner des Dorfes organisiert hatte, war ganz der Feier des 150. Geburtstags des armenischen Nationalkomponisten Vardapet Komitas gewidmet. (siehe Bild 12) Die einzelnen musikalischen Darbietungen waren eingebettet in eine literarische Reise durch das Leben des Jubilars. Es war besonders bewegend zu erleben, mit welcher Ernsthaftigkeit und Hingebung die teilweise recht jungen Schülerinnen und Schüler ihre Auftritte bewältigten. Anschließend wurden durch tatkräftige Mithilfe des neu gewählten Bürgermeisters hinter der Musikschule neue Bäume gepflanzt. (siehe Bild 13)
Zum Schluß noch ein Wort zu den großen Veränderungen, die sich seit Jahren im Zentrum der Hauptstadt Jerewan vollziehen. Hier werden wunderschöne Häuser, ja ganze Straßenzüge aus einer Blütezeit der Stadt im 19.Jahrhundert ohne Rücksicht auf Denkmalschutz den Gewinninteressen von Investoren, zumeist mit Sitz im Ausland, geopfert. Es entstehen Malls und große Wohnblocks, deren gähnende Leere davon zeugen, daß hier nicht für die Menschen der Stadt, sondern von und für Spekulanten gebaut wird. Prominentestes Opfer des Kahlschlags war im vergangenen Jahr der Sitz eines herausragenden Kulturbotschafters Armeniens, der Little Singers of Armenia. (siehe Bild 14) Eines Tages im November 2018 mußten der Leiter und Mitarbeiter des Chores mit ansehen, wie Bagger anrückten, um direkt neben der Schule ein Loch für eine Tiefgarage zu graben. Es war vorherzusehen, daß die Außenwände des historischen Gebäudes einstürzen und der Übungssaal des Chores, ja das gesamte Gebäude unbrauchbar würden. Als wir im April mit Maestro Tigran Hekekyan sprachen, stand der Chor, der im Spätsommer 2019 eine Konzertreise durch Wilna und Deutschland antreten sollte, ohne Probenräume praktisch auf der Straße. Die neue Regierung hat Abhilfe versprochen, aber ein weiteres schützenswerte Gebäude ist wohl für immer verloren. (siehe Bilder 15-16)


14 Little Singers

Bild 14: Die vielfach preis-gekrönten Little Singers of Armenia gehören zu den herausragenden Kulturbotschaftern des Landes

16 Gebäude der LSA

Bild 15: Das altehrwürdige Gebäude der Little Singers. Hier befand sich auch der Hauptprobenraum.

15 Probenraum der LSA

Bild 16:
November 2018 - durch nachlässige Bauarbeiten wird das ebäude unbrauchbar. Im Mittelstreifen zwischen den neuen Wohnblocks soll jetzt eine Tiefgarage und eine Shopping-Mall entstehen.